Nachdenken über das Wiederkommen

Diese Niedrigtemperaturen, die seit meiner Rückkehr auf Berlin lasten: Ich prangere sie an. Das geht so nicht. Und auch warme Kleidung hilft nicht. Denn was fehlt, das ist Licht! Ich vermisse es schmerzlich. Und wer mir erzählen möchte, dass selbst bedeckter Himmel genügend Lux bringt, der vergisst, dass die auf so gut wie keine textilfreie Haut fallen.

Im nächsten Jahr werde ich nicht nur zwei Wochen in Lissabon verbringen. Sondern einen ganzen Monat. Das ist der Plan, den ich bereits während meiner Abwesenheit entwickelte. Grober Zeitraum: Mitte/Ende Januar bis Mitte/Ende Februar.

Doch jetzt kommen wir zum Finetuning: Wer möchte dabei sein?

Denn so gerne ich alleine durch Städte streife – vor allem das abendliche Essen ist alleine eingenommen nicht immer ein Vergnügen. Viel zu viele Gerichte können nicht probiert werden, denn man kann sie nicht alle bestellen. Dafür braucht es Gesellschaft. Und auch der Gang auf einen der Miradouros zum Betrachten der Sonnenuntergänge macht gemeinsam noch mehr Spaß. Über das eine oder andere Museum oder eine Entdeckung in einer der steilen Gassen lässt es sich bestimmt auch sehr schön beim Kaffee oder Wein unterhalten.

Zur Auswahl stehen verschiedene Unterkünfte des Anbieters, über den ich beim Aufenthalt in diesem Jahr gebucht habe. Im Schnitt kosten die schönen und voll ausgestatteten Wohnungen pro Nacht 40€ für zwei Personen, pro zusätzlichem Gast 20€ die Nacht. Es wäre also auch möglich, nur einen Teil der Zeit dazuzustoßen. Je nach Größe haben die Apartments bis zu sechs Schlafplätze, manche sogar zwei Badezimmer. Die Preise sind so günstig, da es die absolute Nebensaison ist.

Bis zum nächsten Winteranfang ist es noch lange hin. Aber wenn generell Interesse an einer Auszeit in Licht und Wärme besteht, dann äußert es doch schon einmal. Gerne per Kommentar unten oder per Mail, Message auf Facebook, Twitter-Direktnachricht,…

Was mich heute ein wenig mit dem Winter in Berlin versöhnt hat, war ein Besuch in meiner Lieblingseckwirtschaft. Die „Koppe“ auf der Kopenhagener hat die kuscheligste Sofaecke mit großer Zeitungsauswahl und den am liebevollsten kredenzten Milchkaffee. Danke dafür.

Koppe Kohlenquelle Kopenhagener Straße Berlin Prenzlauer Berg Milchkaffee Croissant
Zeitungsangebot in der Koppe

Lissabon 13.2.14.15 – Museen, Sturm & Wasser

Sturm. Der den Atem raubt und das Telefon fast aus den Händen weht beim Fotografieren. Den gab es an Tag 13 und 14 in Lissabon. An solchen Tagen bin ich besonders gerne am Wasser.

Den Möwen werden die Muscheln aus der Bahn gepustet, die sie geduldig wieder und wieder fallenlassen, um endlich an das Fleisch im Inneren zu kommen. Ganz leicht trägt der Wind die riesigen Vögel hoch, sie müssen nur die Flügel ausbreiten. Zwischendurch flitzt ein Schwarm zierlicher Schwarzkopfmöwen vorbei. Die Tauben haben es etwas schwerer. Mit ihren stummeligen Flügeln kämpfen sie darum, die Balance zu halten. Dann scheucht sie auch noch ein Hund von ihrem Futterplatz an der Wasserkante hoch. Heute hat ein Kormoran Platz auf einer der Säulen am Praça do Comércio genommen.

Gestern konnten die Segelschulen wieder aufs Wasser. Optimisten und andere kleine Jollen kreuzen Richtung Brücke und zurück in die Marina, die kurz vor dem Entdeckerdenkmal liegt.

 

Ein letzter langer Spaziergang am Tejo entlang. Den Vormittag habe ich im Mosteiro dos Jerónimos und dem Museu de Marinha verbracht. Am MAAT, dem neuen Bau neben dem Museu da Electricidade sind weitere der weißen Kacheln heruntergefallen. Auch die Stufen wurden bei dem starken Regen letzte Woche beschädigt. Zum Abschluss des Museumstages besuche ich das Kloster von São Vicente de Fora. Der Bau, auf den ich in diesem Moment aus dem Zimmerfenster blicke. Und das ist der Blick auf mein Fenster vom Dach aus.

Lissabon Unterkunft
Im Stockwerk unter den beiden Gaubenfenstern ganz rechts – mein Wohnzimmer

 

 

Lissabon 13 – LX Factory

Nicht nur das Eingangstor erinnert stark an das Berliner RAW-Gelände und die ehemalige Neue Heimat. Die LX Factory ist auf dem Grund und in den Gebäuden einer ehemaligen Spinnerei und Textilfabrik im Stadtteil Alcântara entstanden.

Bei der Gründung des riesigen Industrieareals im Jahr 1846 stand die Ponte 25 de Abril noch nicht, heute rauscht der Verkehr über die Köpfe der Besucher des Komplexes aus Geschäften, Ateliers, Gastronomie und Werkstätten hinweg.

Was schön ist: Wie bei der Markthalle macht auch hier die Mischung aus teuren Geschäften, wie einem unglaublich edlen Designer für Kinderzimmer, und Arbeitsplätzen für junge Künstler das Projekt möglich. Es gibt keine penetrant platzierten Marken wie beim Time Out Market. Hoffentlich funktioniert es auf Dauer.

Was besonders schön ist: Die Buchhandlung Ler Devagar in einer hohen Fabrikhalle, über mehrere Etagen mit schmalen Treppen und einer umlaufenden Galerie verbunden. Im obersten Stockwerk stehen noch die Maschinen für den Stoffdruck. Dort und im Erdgeschoss gibt es ein Café und eine Bar samt Tischen und gemütlichen Sitzecken zum Lesen, Arbeiten, Genießen und Entspannen. Ein Filmteam wuselt gerade um einen Autor herum, der immer wieder sein neuestes Werk in die Kamera hält und allmählich etwas müde wirkt. Sofort wird ihm ein Kaffee gereicht, das Interview kann weitergehen.

Was nicht so schön ist: Die vielen Autos, die durch die engen Gassen zwischen den Gebäuden fahren. Was fehlt: Informationen zur Geschichte des Ortes und der Fabrik Companhia de Fiação e Tecidos Lisbonense.

Lissabon 12 – Kirchenbautenvergleich

Vorgestern war ein Tag der Tücken. Es knisterte im Gebälk. Und das lag nicht nur am immer mehr auffrischenden Wind, der inzwischen zu einem Sturm gewachsen ist. Als Küstenkind liebe ich eine starke Brise. Aber je nach Tagesform verwirbelt sie Grübeleien nicht nur, manchmal werden sie verstärkt.

Da auch das Telefon streikt, lasse ich es schmollen. Als ich im Kreuzgang der Kathedrale Sé stehe, vermisse ich die Kamera darin ein wenig, denn leider gibt es keine Postkarten von dem Teil der Hauptkirche Lissabon zu kaufen. Der romanische Bau entstand auf dem Boden einer früheren Moschee. Bei Grabungen im Innenhof des im gotischen Stils gebauten Kreuzgangs stießen Archäologen auf Reste von Häusern und Straßenpflaster aus römischer Zeit. Ein simples Gerüst führt um den Bereich herum. Er ist nicht abgedeckt, eine bereits beschriebene und adressierte Postkarte ist jemandem entglitten. Nur wenige Menschen finden den Weg hierher. Das Flattern der Amseln, die von den roten Beeren an einem Baum picken, ist deutlich zu hören.

Diese schlichte Schönheit steht im krassen Gegensatz zur Barockkirche Igreja de São Roque im Stadtteil Bairro Alto. Auch sie wurde während des Erdbebens von 1755 nur leicht beschädigt. Die Holzdecke soll ihren Teil dazu beigetragen haben. Da es für den Bau keine geeigneten Balken in diesem Teil Europas gab, wurde das Material aus Deutschland eingeführt. Noch aufwändiger entstand die prunkvolle Kapelle zu Ehren Johannes des Täufers – mehr dazu hier im Wikipedia-Artikel. Ich habe mich ein wenig in diesen gnubbeligen Engelskopf in einer der anderen Kapellen verguckt.

Eine Touristengruppe, aus der in alle Richtungen Selfie-Sticks ragen, betritt lautstark den Kirchenraum. Nachdem alles abfotografiert ist, wird nach den kleinen Heiligenbildchen gegriffen, die vor den Kapellen ausliegen. Der kleine Hinweis auf die Bitte um eine Spende scheint nicht deutlich genug.

Lissabon 11.2 – Über den Tejo

In Hamburg am Gänsemarkt gab es die Essen & Trinken-Halle. Wenn wir von Lübeck aus zum Bummeln und Einkaufen in die Großstadt fuhren, war es immer sehr aufregend, hier zu essen. Im schlichten Kantinen-Ambiente suchte sich jede etwas nach ihrem Geschmack aus. An unserem Tisch trafen wir uns dann mit den Plastiktabletts zu einem internationalen Essen, meistens bestehend aus Griechisch-Italienisch-Chinesisch.

Das Konzept in der Lissaboner Halle Mercado da Ribeira ist also nicht neu. Auch in Berlin haben wir ein Beispiel für eine ähnlich ausgerichtete Umwandlung mit der Markthalle IX.  Aber hier ist es glattpoliert und mit nerviger Musik vollgedröhnt. Bei einem Blick auf die Preise, integrierte Souvenirshops und Touristeninformation schrillen zusätzlich die Alarmglocken. Mein Tipp, einmal hindurch  laufen, sich wundern und einen Blick in die Halle mit den Gemüseständen werfen. Die waren allerdings abgedeckt, der morgendliche Marktbetrieb beendet. Es ist ein Weg, die alten Markthallen, diese wurde 1882 erbaut, zu erhalten. Und das Kapital des Time Out Magazines sicher hilfreich. In meinen Augen abschreckendes Branding zieht entsprechend spendierfreudige Klientel an. Ich hatte nicht einmal Lust, Fotos zu machen. Schaut sie euch hier im Blog Mein Lissabon an, dem es auf dem Markt gefiel und schmeckte.

Gegenüber liegt der Cais do Sodré – Bahnhof für die Nahverkehrszüge wie nach Cascais, Metrostation, Bus- und Tramhaltestelle und Schiffsanleger. Drei verschiedene Fährverbindungen gibt es von hier aus über den Tejo. Ich wähle die kürzeste nach Cacilhas. Für etwa 1€ geht es auf eines der weiß-orange-farbenen Boote, die sich zusätzlich zur Strömung des Flusses heute gegen den wachsenden Sturm kämpfen. Am kleinen Fähranleger kann direkt in Busse und Metros umgestiegen werden, der verschlafene Ort ist Verbindung nach Almada und Pragal, Sitz von Fakultäten der neuen Universität von Lissabon.

Ich laufe am Ufer entlang, das von meist verlassenen und größtenteils verfallenen Lagerhallen gesäumt ist. Früher wurde auch hier Handel getrieben, später zogen Schiffsbauer ein.

Ein gesprayter NOFX-Schriftzug und daneben ein Snoopy mit Iro. Kurz bin ich in Gedanken weit weg in Berlin, San Francisco und bei meinem früheren Job bei Fat Wreck Chords. Irgendwo auf der anderen Seite des Flusses saß ich vor Jahren in einer Konzerthalle auf einer der Deconstruction Tours, wo ich außer vom Tourbus aus und der Halle nichts von Lissabon sah.

Ich setze mich neben einige Angler auf einen der alten Anleger, schaue auf den Fluss und die Stadt, genieße die Ruhe und atme tief den frischen Wind ein. Alle Viertelstunde tönt das hupende Signal der Fährboote. Schön ist es hier.

 

Lissabon 11.1 – Im Zeitungsviertel

Gibt es in Portugal eigentlich Pfandflaschen? Und wo stehen die Glascontainer? Fragen, die ich mir auf der Fahrt mit der Tram stelle. Denn es wird allmählich Zeit, ans Aufräumen und den Müll rausbringen zu denken. Der gemeine Hausmüll wird einfach in Säcken an die Straßenecken gestellt und täglich abgeholt.

Kurz bevor ich an der Praça Luís de Camões aussteige, lässt sich der Tramfahrer eine Zeitung durch die geöffnete Tür reichen. Wir sind im Bairro Alto, dem früheren Viertel der Redaktionen und Druckereien. Das erfahre ich aber erst später, als ich mich zum Lesen meines Reiseführers auf einer Bank niederlasse.

Vorher laufe ich im Zickzack durch die Straßen. Manche werden gerade mit Schläuchen saubergespritzt. Die Werbung an den  jetzt geschlossenen Bars und Restaurants zeigt, dass sich nachts die internationale Szene hier zum Feiern trifft. Das Friedrichshain Lissabons? Eines der Hipster-Blogs Berlins hat es  bereits dazu gekürt. Der Stadtteil entstand mit dem wachsenden Reichtum Lissabons in der Entdeckerzeit des 15. Jahrhunderts. Die wohlhabenderen Bürger bauten sich Adelspaläste an den breiteren Straßenzügen und zogen aus der Unterstadt in die neue Oberstadt. Hauptsächlich Handwerker errichteten sich Häuser in den schmaleren Gassen. Dieser Teil ist heute verkehrsberuhigt.

Im 19. Jahrhundert ließen sich Zeitungsredaktionen, Druckereien und mit dem Verlagswesen verbundene Menschen im Bairro Alto nieder. Allerdings eignete sich die Infrastruktur der engen Straßenzüge nicht lange für die Produktion, deshalb verließen viele der ansässigen Tagesblätter die Gegend wieder. Nur die Redaktion der täglich erscheinenden A Bola – die Sport- und Fußballzeitung Portugals – hat ihren Sitz noch auf der Travessa da Queimada. Der Name der nächsten Querstraße erinnert an die Gründung der Diário de Notícias, eine der großen Tageszeitungen Portugals. Am Miradouro São Pedro de Alcântara, wo ich samt Sandwich aus einer der kleinen Pastelirias eine Bank gefunden habe, steht ein Denkmal für den Zeitungsmacher Eduardo Coelho samt der Statue eines Zeitungsjungen.

Das Internet ist heute ähnlich lahm wie ich mich fühle. Zeit für einen Gang zum Lieblingscafé, um ein paar Karten und Briefe zu schreiben. Stürmisch ist es, mal schauen, ob mir der Wind ein solches Tempo wie dem Flug der Möwen verleiht.

Lissabon 10 – Regentag

Morgens den Kaffee im italienischen Kocher auf dem Herd zubereiten. Das Fenster öffnen und den Himmel betrachten. Heute muss ich es jedoch schnell wieder schließen. Es schüttet und Wasser läuft über das schmale Fensterbrett in die Wohnung hinein.

Auf dem Weg zur Tram entscheide ich mich, zur Abwechslung einmal in die andere Richtung zu fahren. Es geht den Berg hinauf, durch das Viertel Graça mit vielen kleinen Geschäften. Ich entdecke weitere Lebensmittelläden und Konditoreien. Aber es stehen auch viele Ladenlokale leer.

Vor allem bei Regen, wenn die Scheiben der Tram beschlagen sind, ist es sehr schwierig, die Haltestellenschilder zu erkennen. In den alten Trams gibt es auch keine Anzeige oder Ansage. Nur die Abzweigung zur Burg hinauf kündigen manche der Fahrer an. Bisher habe ich übrigens noch keine Frau an den Kurbeln der Trams entdeckt. Diese Fahrt werde ich bis zur Endhaltestelle machen.

Sie endet im Viertel Baxia, in der Nähe der Praça da Figueira, einer der zentralen Plätze. Viele Klamottenläden gibt es hier, in einem Geschäft, das noch die Reklame für Schokoladenspezialitäten trägt, werden jetzt Dessous verkauft. Ein Laden mit einer großen Waage auf dem Tresen bietet Samen für Blumen, Gemüse und weitere Pflanzen an.

Ich betrete die Confeitaria Nacional, die älteste Konditorei der Stadt, wähle ein mit Puderzucker bestäubtes Gebäckstück aus und bestelle einen Kaffee dazu. An einem Stehtisch kann ich das Treiben auf dem Platz betrachten und die anderen Gäste, die am Tresen eine Suppe löffeln oder an den gemütlichen Tischchen sitzen. Wunderschön altmodisch und gemütlich.

Um die Ecke liegt die Klosterkirche São Domingos, grausamer Schauplatz der Inquisition und der Judenprogrome von 1506, ein Mahnmal vor der Kirche erinnert daran. Der Innenraum der Kirche ist eine Besonderheit: Nach einem Brand im Jahr 1959 wurde der Kirchenraum nach den Renovierungsarbeiten 1994 wieder eröffnet. Die Spuren des Feuers wurden belassen und die Decke ist in verschiedenen Rottönen gehalten, um sowohl an die Verfolgungen als auch den Brand zu erinnern.

Mit dem Elevador Santa Justa fahre ich in den Stadtteil Chiada hinauf. Der Regen wird stärker. So wenige Menschen sind sicherlich selten auf diesem Wahrzeichen Lissabons anzutreffen.

Nach der ältesten Konditorei der Stadt besuche ich nun die älteste Buchhandlung der Welt. Seit 1732 besteht die Livraria Bertrand in der Rua Garrett. Sehr modern wirkt sie, trotz der wunderschönen Rundbögen, glatt, mit wenig Atmosphäre. Später lese ich, dass das Unternehmen seit 2006 zunächst Teil von Bertelsmann war und dann an ein großes portugiesisches Verlagshaus verkauft wurde.

Mit dem kleinen Wasserfall, der die Straße hinunter rauscht, laufe ich zur Tram. Wieder in Graça angekommen habe ich ein lustiges Verständigungsproblem in der Metzgerei und kaufe in einem der kleinen Lebensmittelgeschäfte Käse aus der Region ein. Dazu eine Flasche Rotwein. Die Biere Super Bock oder Sagres lassen sich zwar frisch gezapft trinken, aber aus der Flasche schmecken sie mir nicht. Allmählich sehne ich mich ein ganz klein wenig nach einem schön herben Jever oder Flens.

Lissabon 9 – Calouste Gulbenkian

Die Möwen haben einen ganz besonders schönen Platz gefunden, um sich das Salzwasser aus dem Gefieder zu waschen. Hoch über der Stadt, nördlich vom Parque Eduardo VII de Inglaterra, plantschen sie vor einem Café in einem Teich mit Springbrunnen. Ab und zu steigen sie auf und schütteln sich im Flug wie nasse Hunde. Im flachen Wasser an der Seite flitzen zwei Bachstelzen hin und her.

Möwen baden im Süßwasser Lissabon
Möwen im Süßwasserpool

Gerade habe ich viele Stunden in der Stiftung Calouste Gulbenkian verbracht. Ein Mann, der im Ölgeschäft ein Vermögen machte. In der Türkei als Armenier geboren, nahm er später die britische Staatsbürgerschaft an. Sein Wohnsitz war allerdings Paris, das er während des Krieges in Richtung Lissabon verließ. Die schon zu dem Zeitpunkt riesige Kunstsammlung gelangte ebenfalls dorthin. Er starb 1955 und verfügte in seinem Testament die Gründung der Stiftung. Das Museumsgebäude wurde von portugiesischen Architekten den Ausstellungsstücken angepasst gestaltet. Ungewöhnlich für Portugal, wo Museen häufig in bereits bestehende Bauten einziehen. Glücklicherweise konnte ich an der wöchentlichen Führung durch die Stiftung teilnehmen. Absolut zu empfehlen, da die Erläuterungen auf den Tafeln minimal sind. Zwar ist die Ausstellung geographisch und chronologisch gegliedert, aber bei über 6000 Exponaten sind Hinweise auf „Highlights“ hilfreich. Leider werden die Räume mit den Impressionisten und Skulpturen von Rodin gerade renoviert.

Durch den Park – für den es einen eigenen Naturführer gibt, wie ich später im Museumsshop entdecke – geht es weiter in das zur Stiftung gehörende Museum für Moderne Kunst. Auch dort wird eine große Fläche gerade umgestaltet. Im Rest des Gebäudes gibt es eine sehr informative Ausstellung in zwei Teilen. Zunächst zur Geschichte des Landes seit Beginn des 20. Jahrhunderts, illustriert mit vielen Fotos, Büchern, Zeitschriften, Karikaturen, Audio und Video. In einem weiteren Stockwerk, ebenfalls chronologisch geordnet und mit großformatigen Informationstafeln versehen, sind Malereien aus den 30er Jahren bis heute zu sehen.

Besonders interessant ist es, die Ausstellung mit einem südafrikanischen Philosophieprofessor, der auch an der Führung teilgenommen hatte, zu durchlaufen. Kunstbetrachtung aus ganz neuer Perspektive. Interessant auch die äußerst kritischen Bemerkungen zur Person Gulbenkian von dem Mann, der unsere Tickets am Eingang kontrolliert. Zeit, sich mehr anzulesen. Und vielleicht auch mal wieder einen Dürrenmatt, der auch Gulbenkian als Teil des Namens der alten Dame in Besuch der alten Dame verwendet.

Schon mal von der Band GNR aus Portugal gehört? Vor dem Besuch der Ausstellung heute kannte ich sie nicht. GNR steht für Grupo Novo Rock und ist eine Anspielung an die Abkürzung für Guarda Nacional Republicana, die portugiesische Sicherheitspolizei. Mehr zum Song, Thema EU-Beitritt Portugals, und der Band auf Wikipedia & auf Englisch in den Library Resources of the General Secretariat of the Council of the European Union.

Lissabon 8 – Pantheon

Als ich in Rom lebte, ich war dort ein halbes Jahr lang Au-Pair-Mädchen, hat mich das Pantheon magisch angezogen. Es war meine Oase in der hektischen und heißen Stadt. Dort konnte ich auf den kühlen Steinen sitzen und beobachten, wie sich das Licht, das durch die Öffnung der Rotunde einfiel, veränderte.

cropped-2017-01-29-10-52-16-4.jpgDas Pantheon in Lissabon ist kein Vergleich zum dem Gebäude aus der römischen Antike. Der Barockbau hier wurde im 17. Jahrhundert begonnen. Dann steckte der damalige König das Geld lieber in eine andere Kirche. Vollendet wurde das Pantheon während der Diktatur unter Salazar. Seit 1966 dient es im Stadtteil Alfama als Gedenk- und Ruhestätte für berühmte und besonders verehrte Menschen der portugiesischen Geschichte. Die Fadogesänge von Amália Rodrigues ziehen durch das Gebäude, auch sie ist hier bestattet.

Über breite Treppen kann man zu den Museumsräumen hinaufsteigen, durch Öffnungen zum Innenraum und nach draußen bieten sich immer wieder Ausblicke. Am Ende der Stufen zieht sich die Terrasse weit in alle Richtungen. Das Licht wird vom hellen Marmor der Kuppel und des Bodens reflektiert. Die wenigen Besucher verteilen sich, es ist friedlich und wunderschön. Ein Ort, an den ich vor meiner Abreise sicher zurückkehren werde.

Beim Spaziergang zurück vom – heute nicht sichtbaren – Sonnenuntergang fällt mir das erste Mal auf, wie gut gefüllt die Cafés in den Abendstunden sind. Neben Kaffee, den vielen Backwaren, herzhaften Blätterteig-Taschen und Kroketten wird dort auch Bier ausgeschenkt. Vielleicht sollte ich auf ein Café umschwenken für ein frisch gezapftes Glas. Denn die Hoffnung, dass ich einen Abend in dieser Stadt so fit sein werde, um mich in einen Bar zu setzen, schwindet.

Die letzte Nacht war unruhig. Gerade bin ich mit Ohrstöpseln eingeschlafen, Gründe dafür gibt es viele – abends Fernsehergeräusche und morgens die Familie aus dem Prenzlauer Berg, die über mir eingezogen ist – scheint das Gebäude zu wackeln. Ich öffne vorsichtig die Wohnungstür. Auf dem Treppenabsatz steht ebenso verschreckt schon der französische Nachbar. Zwei Stockwerke weiter unten hören wir aufgeregtes Geschrei, lautes Rütteln, Krachen und Klopfen und entdecken eine Polizeiuniform. Die Lösung: Zwei Frauen, die offenbar permanent im Haus leben, haben beide ihre Schlüssel in der gemeinsamen Wohnung vergessen. In Portugal wird in solchem Fall nicht der Schlüsseldienst gerufen, sondern die Polizei. Die dann mit Karacho die Tür aufbricht und anschließend die Personalien kontrolliert. Offenbar stimmmten die nicht überein, daher der Tumult.

Übrigens: An Sonntagen sind mehr Radfahrer als an den Wochentagen unterwegs. Sogar stylische Rennräder mit Menschen ohne Lycra-Höschen. Aber es keuchen auch einige gut ausgerüstete Mountainbiker die Hügel hoch.

Ich bin lieber Flaneurin. Hier und auch sonst.

Lissabon Tag 7 – Saudade

Kehre gerade ein wenig betrübt von einem Rundgang durch den Kiez zurück. Die Bars haben entweder noch geschlossen oder sind gähnend leer. Ich habe weder ein Buch noch etwas zum Schreiben dabei, um mich selbst zu unterhalten.

Außerdem hat es wieder geregnet und die zwar wunderschönen Steine der Gehwege sind leider auch äußerst rutschig. Das sagte auch unser Guide auf der Fahrradtour heute: Die mosaikartige Gestaltung der Gehwege begann nach dem großen Erdbeben, viele Arbeitsplätze wurden dadurch geschaffen. Heute verschaffen sie vor allem bei Regen den Krankenhäusern Arbeit.

Über die Fahrradtour werde ich einen Artikel für Berlin on Bike schreiben. Deshalb hier nur ein paar Fotos aus meinem Tweet von heute und ein großes Dankeschön an Carlos und das Team von Lisbon Bike Tour. Lissabon ist mit seinen sieben Hügeln scheinbar nicht die ideale Stadt zum Radfahren, aber die sehr informative geführte Radtour ist geschickt geplant. Die gut zehn Kilometer fahren sich sehr entspannt.

Bin übrigens nur ein wenig betrübt, da ich nicht ganz ohne Getränk von der Runde heimgekehrt bin. Im Spätkauf wurde mir ein Schluck Gin angeboten. Saúde! Aus Alentejo kommen viele gute Dinge.

Und ich habe einen neuen Schleichweg entdeckt. Morgen werde ich bei Tageslicht – und hoffentlich auf trockenen Sohlen – kreuz und quer durch die Alfama klettern. Es ist Zeit, einen ganzen Tag ausschließlich in diesem Kiez zu verbringen.

Übrigens – Saudade. Laut Fernando Pessoa etwas, das nur Portugiesen spüren können. Aber ich kenne das Wort. Dann darf ich doch auch, oder? Wenigstens solange ich hier bin?